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Leitgedanke zu poesie bewegt
Renato Mismetti

Baudelaire, Vorläufer der modernen Lyrik, nannte die Poesie das einzige Mittel, um das Schöne zu erreichen. Und damit meinte er wohl Poesie als Oberbegriff.

Was nun ist Poesie und was Lyrik? Novalis vertrat die Ansicht, dass Lyrik schon Übersetzung sei. Übersetzung von was? von einem Zustand? von einem Gefühl? von einem Moment? von einem Empfinden? Also – von Poesie?

Vielleicht liegt die Antwort bei Baudelaire selbst; wenn er sagte, Poesie sei nicht transponierbare Hieroglyphe, können wir sagen, Poesie sei... nicht transponierbare Erlebnisse.

Poesie bewohnt... die Form, die Biegung eines Baumes... das verlassen liegende Fahrrad am Straßenrand (dabei können wir schon an einen Monolog à la Hamlet denken)... den ersten Schritt eines Kindes... den Liebesakt zweier Fliegen auf dem aufgeschlagenen Kamasutra... den Flug des Taubenkots, der vor der Kirche auf das Brautkleid fällt... die in einem Fluss treibende Rose. (wie kommt sie dahin? aus Liebe? aus Hass? aus Trauer?). Poesie ist im ersten Kuss – ist im... letzten Kuss.

In jedem Moment unseres Leben steckt dieses „Ich weiß nicht was“. Allerdings müssen wir fähig sein, all das nicht zu versäumen. Anders lässt es sich wohl nicht sagen.

Es ist natürlich eine Frage des Empfindens, aber auch des Könnens.

Dieses „Etwas“ zu Papier zu bringen mag manch einem Autor besonders schön gelungen sein. Doch diesbezüglich den Richter zu spielen – das wollte ich nicht; und selbst wenn ich oft Geschmack oder Empathie zurückstellen musste, ist Subjektivität nicht gänzlich vermeidbar. Selbstverständlich braucht man Kriterien, darunter vielleicht auch einige, die für eine andere Art der Zusammenstellung ungeeignet sein könnten – manchmal war es ein spezielles Thema, ein Ereignis oder eine Jahreszeit –, andere willkürlich wie z. B. nur ein einziges Gedicht von jedem Dichter, was die Qual der Wahl noch steigerte. Außerdem wollte ich, dass nicht immer die „selbstverständlichen“ Gedichte mancher Dichter zur Wahl kämen. Kurz mussten die Gedichte sein, schnell verständlich und packend, sie sollten Jung und Alt ansprechen, den Arbeiter und den Akademiker, den Romantiker und den Pragmatiker.

Mit dieser Kooperation einer Kunststiftung und eines Verkehrsunternehmens ist der Kunst ein neues, technisches Medium zugänglich gemacht geworden – ein neues Format ist entstanden.

Lange war ich selber überzeugt und begeistert von der Idee, dass unsere Absicht naiv sei – und Naivität macht eigentlich das Leben etwas schöner, denn immer wieder kann sie uns Überraschungen und Entdeckungen bereiten. Aber je länger ich mich mit poesie bewegt auseinandersetze, desto mehr reift in mir die Überzeugung, dass weder die Naivität, noch das „neue Format“ dieses Projekt prägt – vielmehr ist es eine Form des Suchens nach der Utopie, ohne die das Leben stagniert.

So tragen wir – die Apollon-Stiftung und die Bremer Straßenbahn – ein bisschen dazu bei, unseren Alltag etwas lebenswerter, ja menschlicher zu machen.

Mein Dank gilt den Autoren, die die poetischen Momente für uns festgehalten haben. Ebenso danke ich den Rechtsinhabern der Werke, die mit ihrer Zustimmung zur Verwendung dieser Werke poesie bewegt unterstützt haben. Auch danke ich Joachim Tuz für seinen intensiven organisatorischen Einsatz, ohne den das Projekt nicht zustande gekommen wäre.

Vor allem danke ich Fabian Bojé, der mit viel Phantasie und Humor dem Projekt besondere Farbe verleiht.

Ich wünsche uns allen ein Innehalten und Bewegtwerden – verführt durch Poesie.

 

 

 

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